Sung Tieu, die vietnamesisch-deutsche Künstlerin, die Deutschland auf der Biennale di Venezia 2026 vertritt, hat den deutschen Pavillon in ein kraftvolles Denkmal für Arbeitsmigranten verwandelt. Ihre Installation ist eine detailgetreue Nachbildung der Wohnsiedlung Gehrenseestraße in Berlin, in der sie als Kind lebte. Das Werk würdigt die Generation der Vertragsarbeiter – Arbeitskräfte aus Vietnam, Mosambik, Angola und Kuba, die nach dem Zweiten Weltkrieg halfen, Ostdeutschland wieder aufzubauen, nach der Wiedervereinigung jedoch weitgehend vergessen wurden.
Tieus persönliche Geschichte steht im Mittelpunkt der Installation. Drei Jahre lang teilte sie sich mit ihrer Mutter ein schmales Bett in einem winzigen Raum des verlassenen Komplexes. „Zwei Meter mal 90 Zentimeter, können Sie sich das vorstellen?“, erinnert sie sich. Die Siedlung, heute eine Ruine, in der Paintball-Spieler Krieg spielen, ist ein Ort tiefer Erinnerung: Nachbarn, die auf Campingkochern Bánh bao zubereiten, Kinder, die durch verschlossene Türen Karten spielen, und Neonazis, die Molotowcocktails gegen die Fenster werfen.
Der Gehrenseestraße-Komplex: Ein Denkmal der Migration
Der Gehrenseestraße-Komplex wurde in den 1970er Jahren erbaut, um die Gastarbeiter Ostdeutschlands unterzubringen. Auf seinem Höhepunkt beherbergte er Tausende vietnamesische, mosambikanische und kubanische Arbeiter. Nach dem Fall der Berliner Mauer wurden die Arbeiter entlassen, und die Siedlung verfiel. Tieu nennt sie „ein Denkmal“ für ihr Opfer und ihre Unsichtbarkeit.
Für die Biennale arbeitete Tieu mit der verstorbenen Künstlerin Henrike Naumann zusammen, die mit 41 Jahren an Krebs starb. Gemeinsam bedeckten sie den deutschen Pavillon mit drei Millionen Mosaiksteinen aus Ravenna, die den grauen Beton und die Graffiti der Siedlung nachbilden. Die Wirkung ist gleichermaßen eindringlich und schön und zwingt die Betrachter, sich mit der verborgenen Geschichte der Migrantenarbeit in Europa auseinanderzusetzen.
Vom TV-Star zur politischen Künstlerin
Bevor sie bildende Künstlerin wurde, trat Tieu in der erfolgreichen deutschen Comedy-Serie Türkisch für Anfänger als eine Figur namens Ching auf – ein Name, der nicht vietnamesisch ist. Sie beschreibt die Rolle als „exotisiertes Klischee“. Heute thematisiert ihre Kunst die Stereotype, die sie einst verkörperte. „Ich wollte meine eigene Erzählung zurückerobern“, sagt sie. Ihre Arbeit erforscht oft Kolonialismus, Migration und Erinnerung durch Installationen, Klang und Video.
Tieus Weg von einem engen Bett in Berlin zur Biennale di Venezia ist ein Zeugnis von Widerstandsfähigkeit. Sie studierte an der Universität der Künste Berlin und hat weltweit ausgestellt. Ihr Pavillon wird bereits als eines der politisch dringlichsten Werke der Biennale 2026 gefeiert.
Warum dieser Pavillon wichtig ist
Der deutsche Pavillon präsentiert traditionell die künstlerische Elite des Landes. Indem Tieu die Migrationserfahrung in den Mittelpunkt stellt, fordert sie die deutsche nationale Identität heraus. Die Installation fragt: Wer darf dazugehören? An wen wird erinnert? Und was geschieht mit den Räumen, in denen sie lebten?
Kritiker haben das Werk für seine emotionale Tiefe und historische Genauigkeit gelobt. Die Mosaikfassade ist ein buchstäblicher und metaphorischer Wiederaufbau eines vergessenen Ortes. Besucher gehen durch einen Korridor, der das Original nachahmt, komplett mit Geräuschen spielender Kinder und dem Geruch von Teigtaschen – eine sinnliche Reise in die Vergangenheit.
Schlüsselthemen in Tieus Werk
- Erinnerung und Auslöschung: Wie Gesellschaften ihre Arbeitsmigranten vergessen
- Architektur als Zeugin: Gebäude, die unsichtbare Geschichten bewahren
- Identität und Repräsentation: Ablehnung von Stereotypen in Medien und Kunst
- Kollektives Trauma: Das Erbe der Arbeitsmarktpolitik Ostdeutschlands
FAQ: Sung Tieu und die Biennale di Venezia
Was ist das Vertragsarbeiter-Programm?
Das Vertragsarbeiter-Programm war eine Vereinbarung aus der Zeit des Kalten Krieges, bei der Ostdeutschland Arbeiter aus sozialistischen Ländern wie Vietnam, Mosambik und Kuba anwarb. Diese Arbeiter erhielten befristete Verträge und eingeschränkte Rechte. Nach der Wiedervereinigung wurden die meisten zur Rückkehr gezwungen oder waren Diskriminierung ausgesetzt.
Warum hat Sung Tieu beschlossen, den Gehrenseestraße-Komplex nachzubilden?
Tieu lebte dort mit ihrer Mutter von ihrem 6. bis zu ihrem 9. Lebensjahr. Die Siedlung symbolisiert die Unsichtbarkeit von Arbeitsmigranten. Indem sie sie auf der Biennale nachbildet, zwingt sie ein globales Publikum, sich mit dieser verborgenen Geschichte auseinanderzusetzen.
Welchen Beitrag leistete Henrike Naumann zum Pavillon?
Naumann war Tieus Mitarbeiterin und ebenfalls Künstlerin. Sie starb vor der Fertigstellung des Pavillons. Tieu widmete ihr das Werk und sagte, Naumanns Vision von Erinnerung und Architektur habe das endgültige Design geprägt.
Die Biennale di Venezia 2026 läuft bis November. Sung Tieus Pavillon ist ein Muss für alle, die sich für Kunst, Migration und die Geschichten, die wir erzählen, interessieren.
